Körper? Läuft doch! Oder …

Unterhaltsame und wirkungsvolle Ansichten zu Taiji im Alltag (8 min)

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Zack, da ist der Bizeps. Wohlgeformt, ne echte Beule. Bäm, der Quadrizeps, schon was Besseres gesehen? Die Hosen werden eng, hey. Wir trainieren, schwitzen, pusten und stöhnen. Spüren die 50, 100, 150 Kilo, die wir wählten, auf uns zu lasten. Nimm doch einmal etwas in die Hand, dass Dich gerade umgibt (ne, nicht die Hantel), sagen wir, die Tüte Altpapier, die runter soll in den Keller. Die wiegt vielleicht 5 Kilo. Was wiegt Dein Arm?

Und? Was hast Du gespürt? Das Altpapier oder Deinen Arm? (Der Arm übrigens wiegt bei 80 Kilogramm Körpergewicht ca. 4 Kilo.)

Das ist so ein Gedanke, um aufzuräumen mit dem „esoterischen“ Touch, den Begriffe wie Körperwahrnehmung und Aufmerksamkeit angehaftet haben. Ja, gute Begriffe, aber eben eher nicht übersinnlich. Hier jedenfalls.

Sei aufmerksam

Dreh-und Angelpunkt in Sachen Aufmerksamkeit ist das Hirn. Ein Organ, dass reagiert auf das, was auf uns einströmt. Das ist jede Sekunde jede Menge. In das Bewusstsein geraten die Dinge, auf die das Hirn seine Aufmerksamkeit richtet. Schneiden wir uns in den Finger, wird das Hirn tätig, indem es den Finger zurückziehen lässt oder veranlasst, dass Du aufhörst, die Zwiebel zu schneiden. (Jaja, gleichzeitig aktiviert das Hirn zusammen mit diversen Botenstoffen die Wundheilung usw. Unser Körper (Biomasse!) ist halt komplex.) Was man sagen kann: Woher auch immer des Hirns Antrieb gerade kommt – wer beim Zwiebelschneiden an den reizvollen Abend gestern denkt, schneidet sich eher in den Finger (das Hirn kann nicht 2 Sachen gleichzeitig gleich gut erledigen).

Und wer Kekse will, holt sich die Kekse

Kennst Du den Film Kung Fu Panda? Mit Panda Po, der gern isst, viel zu viel redet und der erkoren wird, die Welt zu retten? Und der so die ein oder andere Anpassungsstörung an seine neue Rolle hat? Sein Fokus: Kekse. So einfach kann das Leben, die Sache mit der Aufmerksamkeit und die Selbstverteidigung sein …

 

 

Wahrnehmen was?

Körperwahrnehmung. Auch so eine Sache. Wer sich meist ganz leicht bewegt, sind Kinder. Wobei sie (vermutlich) gar nicht wahrnehmen, sie machen einfach. Sollen sie von der Erde hochkommen, kugeln und spiralen sie ein bisschen herum – und schwupps stehen sie wieder. Wir Großen überlegen erst einmal, versuchen es über die rechte Seite, dann die linke, via Klappmesser (unglaublich unnütze Kraftanstrengung!) oder der Hand des Freundes. Und vor allem mit viel Gestöhne. Wir haben verlernt. Verlernt, uns effizient und leicht zu bewegen. Wir mögens kompliziert. Was wir nicht vergessen dürfen, wir waren auch einmal Kinder, kugelten und spiralten herum. Das lässt sich wieder abrufen. Was man wieder abruft ist, wie der eigene Körper (Biomasse) funktioniert (wir müssen ja „wissen“, wir machen nicht einfach). Nicht jedes Gelenk kann jede Bewegung: Die Schulter z.B. hat mehr Bewegungsrichtungen als der Ellbogen, aber zusammen genommen ist das Konstrukt Arm unschlagbar!

Und daran sollen alte chinesische Bewegungsmethoden was ändern? Immerhin verbinden sie Körper und Geist. Koppeln gesteuerte, kontrollierte Bewegung mit dem, was man gerade vorhat.

Was hat das mit gestemmten Gewichten und nem astreinen Sixpack zu tun?

Zuerst, die Autorin macht auch beides (Studio und Taiji, „muss“ sie, sie ist auch schon 50 und gern schmerzfrei). Die Frage, die sie hat, ist: Wohin mit der Kraft, die die Gewichte aufbauen? Strotzen kann man, klar. Möglicherweise wäre es reizvoll, mal zu gucken, was darüber hinaus geht? Kann ich die gewählte „Last“, die mir pure Kraft bringt, umwandeln in Dynamik? Ausprobieren, was eine kleine Änderung der Handstellung in Sachen Kraftentwicklung ausmacht? Wie ich durchlässig und gleichzeitig wehrhaft werde?

Oder wie ich leichter Gläser öffne?

Wie kann uns Aufmerksamkeit und das Bewusst sein darüber, was der Körper kann und was nicht, im Alltag helfen?

(Schraub)Glas Erbsen öffnen

Der Deckel des Schraubglases bewegt sich nicht einen Millimeter (auf den Boden geschlagen haben wir schon). Dann geh so vor:

  • Stell Dich etwa schulterbreit hin. (Stell beide Füße nebeneinander, dreh die Zehenspitzen beide etwa 45 Grad nach außen. Dann geh auf die Zehenspitzen und zieh die Fersen bis auf die Linie der Zehen nach. Dann hast Du einen etwa schulterbreiten Stand.)
  • Nimm den Stock aus dem Gesäß und werd locker. Steh aber weiter gerade.
  • Die Knie sind leicht gebeugt, wipp ruhig ein paar Mal auf und ab.
  • Die Schultern sind unten (nicht zu den Ohren gezogen). Die Ellbogen kannst Du gern ein bisschen nach außen stellen (das machst Du im Verlauf vermutlich eh, denn das gehört zur ((biomechanischen)) Kraftentwicklung).
  • Pack Deckel und Glas
  • Und jetzt denkst Du nichts anderes als: Ich öffne dieses Schraubglas.
  • Du fängst an zu drehen – nicht ruckartig, erhöh die Kraft langsam und lass Dein Hirn und Deinen Körper den Rest regeln. Die können das, jedenfalls dann, wenn beide wissen, was zu passieren hat. Weil Du ja denkst: Ich öffne dieses Schraubglas.

Schwere Tür öffnen (z.B. Brandschutz)

Allüberall sind sie, diese schweren Brandschutztüren. Kann man gut dran trainieren und die Körperwahrnehmung schulen. In diesem Fall vor allem: das eigene Körpergewicht einsetzen – statt purer Kraft und roher Gewalt (ist nicht immer schlecht, so ein bisschen Gewicht!) Triffst Du das nächste Mal auf so eine Tür, dann lehn Dich gegen sie, drück die Klinke runter. Und dann legst Du Dein Gewicht gegen die Tür. Langsam! Du tust so, als wolltest Du mit der Tür kuscheln. Lass den Rest Deinen Körper und Dein Gewicht regeln. Die Tür wird sich erst langsam, dann schneller öffnen. Und während Du da kuschelst, beobachte doch einmal, wie Du Dich (automatisch) bewegst. Wie sich die „Massen“ Gesäß, Oberschenkel, Oberkörper verhalten. Dann hast Du wahrgenommen – das, was eigentlich immer schon da war.

Schnibbeln

Showdown in der Küche, Hektik und Elektrik, das Gemüse ist dran. Nun heißt es: Locker bleiben. Wer schnell, mal eben, hopphopp Zwiebeln und Möhren schneiden möchte, dem passiert meist Folgendes: Die Schulter sind sofort zu den Ohren hochgezogen, oft stehen die Schultern schief, der Rest der (Rücken)Muskeln arretiert nach und nach – irgendwann schmerzt die Rückseite des Rumpfes so stark, dass man den kleinen Schnitt am Finger gar nicht mehr bemerkt. Versuchs mal mit der Grundstellung aus Schraubglas öffnen:

  • Stell Dich etwa schulterbreit hin. (Stell beide Füße nebeneinander, dreh die Zehenspitzen beide etwa 45 Grad nach außen. Dann geh auf die Zehenspitzen und zieh die Fersen bis auf die Linie der Zehen nach. Dann hast Du einen etwa schulterbreiten Stand.)
  • Nimm den Stock aus dem Gesäß und werd locker. Steh aber weiter gerade.
  • Die Knie sind leicht gebeugt, wipp ruhig ein paar Mal auf und ab.

Nun wichtig: Schultern unten lassen! Darauf kann man sich besinnen. Und: Schau mal, wie Du arbeitest. Hackst Du (ausschließlich) mit der Kraft des Unterarms auf das arme Gemüse ein? Dann wirst Du unweigerlich muskulär arretieren (Du blendest Deine Biomasse aus). Versuch einmal, den ganzen Arm mit zu bewegen, inklusive Schulter. Mach eine schneidende Bewegung (denn die soll es ja sein), und keine hackende (eine abrupte Bewegung). Und wo Du schon so konzentriert Gemüse schneidest … Spür doch mal, was sich sonst noch mitbewegt – das sind z.B. eine Prise Hüfte, ein Hauch Oberschenkel usw. Eigentlich die ganze Körperseite, mit der Du schneidest. Da arretiert dann auch nichts. Um sich in Stimmung zu bringen für dieses Workout, eignet sich gut Pop aus den 80/90ern … Etwa Donna Summer, Hot Stuff, bad girl.

Laub fegen

Laub fegen, Wohnung wischen, kehren. Kann man allein aus Armen und Schulter heraus machen: Steif wie ein Stock dastehen und fegen, fegen, fegen. Der nächste Tag wird furchtbar sein: Arme und Schultern schmerzen schlimm. Versuch doch einmal, auch hier mit dem ganzen Körper zu arbeiten … Stell Dich breitbeinig-gemütlich hin. Verlager das Gewicht vom einen auf das anderen Bein, Du wiegst hin und her und mit jeder Verlagerung fegst und kehrst Du. Das wird schnell auch so ein bisschen wie Tanzen. So verteilst Du die Anstrengung auf den ganzen Körper und nicht nur auf eine Partie – mehr kann mehr aushalten. Und vor allem: Du gibst Deinem Körper die Möglichkeit, sich so zu bewegen, wie es ihm gut tut.

Zudem: Du stimulierst relativ zart Deine Gelenke, schmierst sie und aktivierst Deinen kinästhetischen Sinn. Das ist der (aufgenommen über die Rezeptoren in den Gelenken), der Deinem Hirn erklärt, wie Du Dich gerade im Raum befindest. Den alten chinesischen Bewegungsmethoden sagt man auch nach, sie förderten die die Standstabilität und beugten Stürzen vor. So oder so: Am nächsten Tag ist die Wohnung auch sauber – und nichts tut weh. Vielleicht knackt das Knie nicht mehr so laut …

Übrigens: einen gut trainierten Bizeps bekommt man auch, wenn man seine Kraft langsam und gemäß den Gesetzen der Biomechanik beübt und einsetzt. Echt jetzt.

Foto Credits gehen an Alora GriffithsCaroline AttwoodTy Williams, Autumn Mott RodeheaverJosué AS auf Unsplash

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