Wenns Dir zu viel wird, hau einfach ab

Eine Aufforderung zum Glücklichsein oder was Palme, Freund und Baum verbindet (6 min)

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Neuerdings lese ich vor allem ein Buch: Grundlagen der Psychologie. Ich habe mich vor einem halben Jahr entschieden, es noch einmal mit einem (Fern)Studium zu versuchen. Das Büchlein ist 830 Seiten dick und ich arbeite mich so durch. Macht mir das Stress? Manchmal, aber vor allem macht es mir riesig Spaß. Ein Grund: Für ein wissenschaftliches Grundlagenwerk offeriert es erstaunlich lebensnahe (Überlebens)Tipps.

Was ist das bloß mit diesem Stress?

Sehr erhellend auch das Kapitel Stress und Gesundheit. Denn Stress macht ja bekanntlich krank. Warum eigentlich? Zunächst: Kurzfristiger Stress, durchaus auch massiver, ist nicht das Problem. Mit dem kommen wir Menschen klar, er ist tief in uns kodiert – der Säbelzahntiger früher meldete sich auch nicht per Post an. Damit leben wir also schon eine Weile. Ist der Tiger weg, beruhigen wir uns wieder. Und das ist gut und normal.

Fies ist der (heutige) chronische Stress. Der, der nicht aufhört, der kein Ventil findet, der sich wie ein Karussel im Hinterkopf und im Leben dreht und der uns nicht in Ruhe lässt – für viel zu lange Zeit. Entspann Dich mal, sagen dann alle. Prinzipiell richtig, aber leichter gesagt als getan. Bis so ein Kopf- und Lebenskarusell zum Stehen kommt, braucht es mehr als „ein bisschen Entspannung“. Kann ich da vielleicht etwas an meiner Haltung ändern?

Sich wieder wirksam fühlen

Die Sache ist die: Wer unsäglichen chronischen Stress empfindet, der hat (gefühlt) die Kontrolle über einen Lebensbereich verloren – das kann z.B. eine Beziehung, ein wildgewordener Chef oder ein zu voller Alltag sein. Was oder wer die Kontrolle über meinen Lebensbereich übernommen hat, sollte ich herausfinden – auch wenn die ein oder andere Erkenntnis sicherlich mitunter weh tut. Und dann stellt man sich die Frage: Wie komme ich aus der Nummer wieder raus?

Rauskommen sollte man. Hier nur kurz ein paar Beispiele, warum:

Chronisch gestresste Menschen haben ein besonders strapaziertes Immunsystem (denn es ist in seiner Funktion eingeschränkt). Sie

  • bilden z.B. nach einer Impfung weniger Antikörper,
  • brauchen deutlich länger (9 Tage!), um kleine Wunden zu heilen.

Will man das? Nein.

Peinlich? – Raus damit!

Daraus resultiert Tipp 1: Überleg mal, was Dir in Deinem Leben wahnsinnig peinlich war. Wo Du ausgemacht mies warst oder unsäglich dumm. Etwas, das bis heute Dein Geheimnis ist. Und das erzählst Du EINEM Menschen auf dieser Welt. Das reicht, um die ganzen negativen psychischen Aspekte zu neutralisieren, die diese Art des Dauerstresses (Verdrängen, Unterdrücken usw. sind wahre Kraftakte der Psyche) mit sich bringt.

Die Psychologie hat übrigens auch herausgefunden, dass Feindseligkeit (anderen, der Welt oder sich selbst gegenüber) das Merkmal ist, dass den höchsten negativen Einfluss auf die körperliche Gesundheit hat – und da vor allem auf das Herz-Kreislaufsystems. Wenn also der furchtbare Kollege demnächst wieder schwandroniert, kann man denken „ich hasse ihn!“ Kann man auch lassen. Man muss ihn ja nicht gleich lieb haben, es reicht womöglich, mit den Schultern zu zucken, aktiv wegzuhören, sich umzudrehen und/oder kurz das Zimmer zu verlassen. Für einen selbst ist das gesünder.

Was kann ich noch tun?

Mag Dich, rede nicht schlecht über Dich selbst: Bist Du unzufrieden, frag Dich, warum? Nicht dauernd nur nörgeln! Frag Dich, was Du ändern kannst, damit Du wieder zufriedener bist. Sag nicht kategorisch: „Ich bin zu blöd dazu.“ Denke besser: „Ach, dumm gelaufen. Das nächste Mal bin ich klüger.“ Sei konstruktiv in Deiner Kritik – Dir selbst und anderen gegenüber.

Schau über den eigenen Tellerrand: Bringt Dich etwas richtig in Rage, gleich Deine Eindrücke mit denen anderer ab. Die haben vielleicht eine ganz andere Perspektive auf die gleiche Situation, sehen gar nicht die torrero-rote Flagge und geben Dir eine neue Sicht auf die Dinge. Das kann das Kopfkarusell schon einen Gang runterschalten.

Lass zu, dass Du glücklich bist: Bist Du erfolgreich, glücklich und berauscht von Deinem Leben, erzähl es anderen. Nutz die Euphorie und mach Dir klar, worin Du richtig gut bist, was Dich stark und einzigartig macht. Und das merkst Du Dir. Darauf besinnst Du Dich dann in schlechteren Phasen. Die werden auch wieder kommen, keine Bange …

Hau ab, wenns Dir über den Kopf wächst: Du schlidderst in eine Situation, in der Du die Faust in der Tasche geballt hast und Dich irgendwer anbrüllt, bedrängt, fertig macht. Die Lunte ist bei beiden bald abgebrannt. Hau ab! Dreh Dich um und geh weg. Sonst tust oder sagt Du noch etwas, das Du später bereust. Haben sich die Gemüter beruhigt, kann man das Gespräch ja wieder aufnehmen. Lässt sich das Gespräch nicht wieder aufnehmen (und die Situation nicht wieder herstellen), werd Deine ganze Wut los (siehe Tipp1): Erzähl es einem guten Freund oder der Palme Zuhause oder dem Baum im Wald. Egal. Hauptsache, die schlechten Gefühle sind „raus“.

Heiße Fehler willkommen: Fehler und Enttäuschungen sind nicht schön, gut. Aber sie haben viel Potenzial! – zu lernen etwa. Mach aus einem Fehler also kein Generalproblem („Ich bin zu blöd dazu!“), sondern mach das Beste draus – und schau, wie und wo Du Dinge zum Guten verändern kannst.

Alles klar? Um Spannung für sich selbst „gesunder“ zu wechseln, Stress zu reduzieren und handlungsfähig zu bleiben, ist es in einem ersten Schritt oft hilfreich,

1. sich zurückzunehmen und/oder die Dinge an sich abprallen zu lassen,

2. wenn wenig bis nichts mehr hilft, den Druck entweder abzugeben (Freund, Palme, Baum) oder ihm auszuweichen. Das ist wahrlich keine Schande, sondern klug!

Denn irgendwo muss der Stress hin, bevor er die eigene Gesundheit einschränkt.

Literatur:

Pedersen et al. Psychological stress and antibody response to influenza vaccination: A meta-analysis. Brain, Behavior, and Immunity, 2009. 23;4: 427–433

Kiecolt-Glasert JK et al. Slowing of wound healing by psychological stress. Lancet, 1995. 4;346(8984): 1194–6

Pennebaker J. Writing about emotional experiences as a therapeutic process. Psychological Science, 19908: 162–166

Petrie KJ. et al. The Immunological Effects of Thought Suppression. Journal of Personality and Social Pssychology, 75: 1264–1272.

Gerrig RJ. Psychologie. Hallbergmoss, Pearson; 2018

Foto Credits gehen an MontyLovAdam BirkettJasmin Schreiber, Karsten Winegeart, Tetiana Martynenko auf Unsplash 

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